Person mit leuchtender Stirnlampe hält Kamera in dunklem Wald mit grünem Licht Person mit leuchtender Stirnlampe hält Kamera in dunklem Wald mit grünem Licht

Schützen, was wir kennen

Biodiversitätsmonitoring an den artenreichsten Orten der Erde

Forschen. Verstehen. Schützen.

Eines war uns schon immer bewusst: Wenn wir die letzten Wildnisgebiete unserer Erde effektiv schützen wollen, müssen wir lernen, sie zu verstehen. Deswegen haben wir uns in unserer Satzung auch der Forschung zum Thema Naturschutz verschrieben, arbeiten partnerschaftlich mit anderen NGOs zusammen und führen eigene Forschungsprojekte durch. Dazu gehört auch unser Biodiversitätsmonitoring.

Biodiversität ist mehr als Artenvielfalt

Wenn von Biodiversität die Rede ist, denken die meisten zuerst an die Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten. Doch biologische Vielfalt umfasst deutlich mehr: Sie beschreibt die Vielfalt allen Lebens auf der Erde, von den Genen innerhalb einer Art über die Arten selbst bis hin zu ganzen Lebensräumen und Ökosystemen. Dazu gehören auch die Funktionen, die diese Ökosysteme erfüllen, etwa wenn Insekten Pflanzen bestäuben oder Tiere Samen im Wald verteilen. Die Artenvielfalt ist also nur ein Teil des Ganzen.

Dennoch ist der Blick auf die Arten ein besonders wichtiger Einstieg. Sie sind die Bausteine eines Ökosystems, und wer sie kennt, weiß schon viel darüber, wie es um einen Lebensraum steht. Außerdem lässt sich Artenvielfalt vergleichsweise direkt erfassen und über die Jahre hinweg vergleichen. So entsteht eine solide Datengrundlage, auf der sich weitere Fragen aufbauen lassen, etwa wie die Arten miteinander verbunden sind und welche Rolle sie im Ökosystem spielen.
Froschauge blickt zwischen trockenen Blättern und Zweigen hervor, gut getarnt in der Waldstreu.
Das Monitoring der Artenvielfalt ist keine leichte Sache, wenn es sich bei einigen Regenwaldbewohnern, wie diesem Gemalten Hornfrosch (Ceratophrys cornuta) um echte Tarnkünstler handelt.

Warum messen wir Biodiversität?

Aus der Dokumentation der Artenvielfalt können wir unmittelbare Erkenntnisse über den ökologischen Zustand eines Lebensraums ziehen, die Wirkung unseres Schutzkonzepts bewerten und Aussagen über Populationsentwicklungen treffen.

Biodiversität hat aber nicht nur lokale Relevanz. Wir erleben gerade das größte Artensterben seit dem Untergang der Dinosaurier – und das scheint kein Zufall zu sein. Dieser menschengemachte Wandel wird vielfach als sechstes Massenaussterben bezeichnet. 

Biodiversität ist ein Grundbaustein des Lebens auf der Erde: Unsere Grundversorgung, unsere Wirtschaftssysteme und selbst ein Großteil unserer Freizeitgestaltung hängen von intakten Ökosystemen und ihrer Artenvielfalt ab. Indem wir Biodiversität messen, können wir Veränderungen sichtbar machen, die Bedeutung ihres Schutzes belegen und nachvollziehbar zeigen, was Naturschutz bewirkt.

Nutzen des Biodiversitätsmonitorings im Überblick:

  • Arten erfassen: Welche Tier- und Pflanzenarten leben in unseren Schutzgebieten?
  • Veränderungen erkennen: Vergleichswerte schaffen und langfristige Entwicklungen beobachten.
  • Besonderheiten entdecken: Seltene und scheue Arten dokumentieren und möglicherweise unbekannte Arten nachweisen.
  • Naturschutz überprüfen: Erkennen, ob und wie unsere Schutzmaßnahmen wirken.
Zwei Personen sitzen an einem Tisch im Regenwald und untersuchen Früchte in weißen Schutzbeuteln.
Ein kleines Labor mitten im Regenwald - und alle Daten werden sorgfältig protokolliert.

Wie messen wir Artenvielfalt?

Wissenschaftler:innen nutzen innerhalb einer Forschungsperiode unterschiedliche Methoden, um sich der Artenvielfalt eines Untersuchungsgebietes anzunähern. Je nach Tierordnung und Lebensraum kommen dabei ganz unterschiedliche minimal- bis non-invasive Ansätze zum Einsatz.
Minimal- und non-invasiv sind Monitoringmethoden, die Tiere und ihre Lebensräume so wenig wie möglich beeinflussen. Während bei minimal-invasiven Methoden ein kurzer, gezielter Eingriff nötig sein kann (z.B. Vogelberingung), kommen non-invasive Methoden ganz ohne direkten Kontakt mit den Tieren aus.

Spuren und Animal Tracks dokumentieren

Erste Hinweise auf die Präsenz wildlebender Tiere liefern ihre Spuren und regelmäßig genutzte Pfade, sogenannte „Animal Tracks“. Dabei handelt es sich um häufig frequentierte Routen, die die Tiere immer wieder nutzen, um wichtige Anlaufpunkte im Wald, wie Lehmlecken im peruanischen Regenwald oder Trinkwasserstellen, aufzusuchen.

Haben unsere Forschenden interessante Spuren oder aktiv genutzte Tracks entdeckt, sind diese Orte häufig der ideale Ausgangspunkt, um Messgeräte zu installieren und weitere Dokumentationsvorkehrungen zu treffen.

Menschliche Hand neben einer Tierspur im feuchten Sand am Strand
Spuren von Küstenwölfen finden wir recht häufig - doch die Tiere selbst bekommen wir nur selten zu Gesicht.

Audiosensoren und Wildtierkameras

Ob am Waldboden oder hoch oben in den Wipfeln: In den Regenwäldern unserer Schutzgebiete – egal ob tropisch oder temperiert –  findet Leben auf jeder Etage statt. Um auch scheue, nachtaktive oder Arten der Baumkronen zu erfassen, setzen unsere Forschenden daher auf Wildtierkameras und Audiosensoren – zwei minimal-invasive Monitoringmethoden, von denen die tierischen Regenwaldbewohner in der Regel kaum etwas mitbekommen.

Diese Geräte werden gezielt an genau den Orten installiert, die für Tiere besonders attraktiv und  frequentiert sind: etwa in der Nähe von Lehmlecken, Trinkwasserstellen, entlang ihrer Tracks am Waldboden oder in besonders ausladenden Baumkronen. So können wir sogar über längere Zeiträume Videos, Audios und Fotos aufnehmen, ohne dass die Tiere etwas vom Monitoring mitbekommen.

Ein Mann in Dschungelumgebung überprüft Daten auf einem Messgerät, das an einem Baum montiert ist.
Unsere Waldhüter:innen in Peru kontrollieren regelmäßig unsere Wildtierkameras und sichern die gespeicherten Daten.

Gerade die Audiosensoren produzieren dabei enorme Datenmengen. Eine KI unterstützt die Forschenden bei der Auswertung, indem sie die Aufnahmen mit umfangreichen Datenbanken abgleicht und anhand charakteristischer Rufe mögliche Arten identifiziert. Doch so leistungsfähig die Technologie auch ist: Ohne menschliche Expertise geht es nicht. Die Forschenden überprüfen die Ergebnisse, sichten die Aufnahmen und dokumentieren nur die eindeutig nachgewiesenen Arten. 

Auch die Kameras im Kronendach erfordern einiges an Einsatz: Ausgebildete Baumkletterer bringen die Geräte sicher in den Wipfeln der Urwaldriesen an. Für den regelmäßigen Austausch der SD-Karten müssen die Forschenden anschließend selbst immer wieder hoch hinaus.

Alle Aufnahmen werden gesichtet und die darin dokumentierten Arten systematisch erfasst. Über längere Zeiträume lassen sich so Artenlisten, Populationsgrößen und mögliche Veränderungen vergleichen. Auf diese Weise geben Wiltierkameras und Audiosensoren einen immer genaueren Einblick in die verborgene Vielfalt des Regenwaldes – und zwar in jedem Stockwerk.

Punktzählungen und Transekte

Wiederkehrende Punktzählungen liefern während einer Forschungsperiode einen Überblick über die relative Dichte und Diversität insbesondere der Vogelpopulation in einem Untersuchungsgebiet. Ergänzend arbeiten die Forschenden entlang festgelegter Messlinien, sogenannter Transekte. Vor Sonnenaufgang spannen sie dort feinmaschige Netze auf, um einzelne Vögel schonend zu fangen und im Rahmen des sogenannten „Bird Processings“ individuell zu untersuchen.

Dabei erfassen sie unter anderem den allgemeinen Gesundheitszustand des Vogels und nehmen sein Gefieder ganz genau unter die Lupe. Aus dem Federkleid lassen sich nämlich nicht nur Alter und Geschlecht eines Tieres ablesen, sondern auch, ob er aktuell brütet oder von Exoparasiten befallen ist. Nach der Datenerfassung erhält jeder Vogel einen kleinen Ring am Fuß. So lässt er sich bei einem späteren Fang eindeutig wiedererkennen und seine Datensätze vergleichen. Der Ring beeinträchtigt die Tiere im Alltag natürlich nicht.

Übrigens: Nicht nur Vögel lassen sich so untersuchen. Auch Fledermäuse können mittels solcher Netze gefangen, untersucht und dokumentiert werden.


Hände halten eine weiße Blume im warmen Licht, mit grünem unscharfem Hintergrund und Lichtern.

Zufallsbeobachtungen

Anders als Vögel oder Fledermäuse lassen sich Begegnungen mit Reptilien und Amphibien im Regenwald nicht so einfach durch Netze arrangieren. Frösche, Echsen, Schlangen und Co. werden meistens nach Zufallsbeobachtung, sogenannten opportunistischen Sichtungen, und ohne standardisierte Suchraster dokumentiert – zum Beispiel wenn unser Expeditionsteam bei ihrer Ankunft im Forschungscamp von einer Korallenotter überrascht wird.  

Auf ihren nächtlichen Waldwanderungen suchen die Forschenden das Dschungeldickicht mit Kopflampen nach Augenscheinreflexionen ab. Entdecken sie dabei Frösche oder Echsen, werden die Funde aufgezeichnet und dokumentiert. Da Schlangenbegegnungen besonders selten sind, werden diese Individuen genauer untersucht. Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht und allgemeiner Gesundheitszustand des Tieres fließen hier ebenfalls in unsere Datenbank ein.


Forscher mit Stirnlampe beobachtet nachts einen braunen Frosch auf grünem Blatt

Botanische Arteninventur

Natürlich werfen wir nicht nur einen Blick auf die tierischen Bewohner unserer Schutzgebiete, sondern erforschen auch die Pflanzenwelt im Regenwald. Dafür stecken wir mehrere Messflächen ab - sogenannte Plots - zählen und bestimmen die dort vorkommenden Pflanzenarten und vermessen alle größeren Bäume.

Diese Baumriesen werden von unserem Team kartiert, und können auch einen Ausgangspunkt für neue Wildtierkameras darstellen.

Ein älterer Mann mit Messschieber misst einen moosbedeckten Baumstamm, während eine junge Frau hinter ihm zuschaut.

Biodiversitätsmonitoring in verschiedenen Schutzgebieten

Natürlich forschen wir sowohl in unseren Schutzgebieten in Peru als auch in Kanada - wenn auch bislang noch in unterschiedlichem Ausmaß. In Peru haben wir fast ganzjährig ein lokales Team vor Ort, das von unserer Forschungsstation aus, die mitten im Secret Forest liegt, agieren und täglich kontinuierlich forschen kann.

Anders sieht es im Misty Forest, unserem Schutzgebiet in Kanada, aus. Dieses liegt so abgeschieden, dass dort nur während unserer jährlichen Expedition für längere Zeit ein Forschungsteam vor Ort ist. Auch im Misty Forest arbeiten wir mit Kamerafallen und Audiosensoren, und haben im Sommer 2026 erstmals eine unbemannte Forschungsstation zur Datenerhebung installiert. Mit dem Ausbau unseres Teams in Kanada wollen wir zukünftig regelmäßiger in unseren Gebieten forschen, um noch mehr wertvolle Forschungsdaten zu sammeln.
Drei Jugendliche untersuchen Fischernetze und Körbe am Strand. Ein Junge hält ein Tablet, während die anderen das Equipment inspizieren.
Es gilt, jede Gelegenheit zu nutzen. Deshalb haben wir gemeinsam mit Meeresbiologin Tyra und unseren Botschaftern Jacob und Felix eine Unterwasserkamera abtauchen lassen.

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